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Vernunft statt volles Risiko

Mehrere Wochen lang haben der DAV und die Bergwacht an die Bergsportcommunity appeliert, auf Touren zu verzichten. Was bei Kaiserwetter sicher nicht immer leicht gefallen ist. Jetzt kommt die Zeit, auf die wir uns seit Mitte März gefreut haben: Die Rückkehr in die Berge. Wer ein paar Regeln beachtet, kann sich auf einen schönen Saisonauftakt freuen.

Bergwandern (und Bergsport) ist möglich – wenn man einige Regeln beachtet. Das meldete der DAV Anfang Mai, zur Freude vieler Aktiver, die in der Zeit des Corona-Lockdowns der Bitte gefolgt waren, auf Bergsport weitestgehend zu verzichten. Doch der Virus, gegen den immer noch kein Heilmittel existiert, fordert von uns in diesem Sommer besonders sorgsames Verhalten bei jeder Art von Bergsport. Dabei gilt es zwei grundsätzliche Ziele zu beachten:

 

  • Planung und Durchführung von Wanderungen, Radtouren, Klettern und anderem mit reduziertem Risiko und besonders aufmerksamem Risikomanagement,
  • Bei Organisation und Verhalten an den Schutz vor Infektionen denken, für sich selbst und für andere.
 

Wir hoffen darauf, dass im Sommer die Alpenvereinshütten wieder als beliebte Stützpunkte zur Verfügung stehen können. Und dass das Ausbildungs- und Tourenangebot der Sektionen und des DAV Summit Club wieder anlaufen kann, um mit kompetenter Begleitung die Berge zu genießen und dabei auch die persönliche Kompetenz zu verbessern. Bis dahin möchten wir euch online als Bergpartner zur Seite stehen.

In den „Empfehlungen des DAV zum Bergsport in Zeiten des Coronavirushat der DAV Grundregeln und Tipps für einzelne Disziplinen formuliert, die vor allem den Infektionsschutz im Auge haben. Hier wollen wir einige weitere Tipps geben, wie infektionsschutz- und risikobewusster Bergsport in der Praxis aussehen kann – vor allem jetzt im Frühling (Mitte Mai 2020).

 

Tu was du kannst, tu was du kennst!

Ein einfaches und wirksames Mittel, um Risiken zu reduzieren, ist: zumindest bei den ersten Unternehmungen der Saison auf bekannten Pfaden bleiben. Also bei bestem Wetter mit kleineren Touren anfangen, die man schon gemacht hat. So hat man keinen Stress mit der Orientierung, freut sich über das Wiedersehen mit besonders schönen Passagen und Aussichten – und merkt, wie fit man derzeit ist. Hat das Heimtraining im Corona-Lockdown angeschlagen? Oder sind die Muskeln noch schwach, die Gelenke hakelig und die Koordination verbesserungswürdig? Wenn’s „gut läuft“, kann man sich Schritt für Schritt steigern. Und das Bewusstsein, ausreichend Reserven zu haben, steigert den Genuss.

 

Du hattest vor, in diesem Jahr deine Bestzeit zu verbessern oder eine Traumtour zu verwirklichen? Lass dir trotzdem Zeit, dich in Schwung zu bringen. Gerade wer beim Bergsport leistungsorientiert ist, profitiert von einem guten Fundament – steigere dich allmählich und ohne dich zu überfordern.

Du wolltest schon immer die Reize und Freuden des Outdoor-Bergsports kennenlernen? Dann sei jetzt besonders vorsichtig. Denn Wandern und Radeln am Berg und Klettern am Fels haben vielerlei Risiken, für die Anfänger naturgemäß noch wenig Bewusstsein haben. Also: Bitte fang nicht gerade jetzt auf eigene Faust an! Die Kurse des DAV und der Bergschulen werden irgendwann wieder starten. Oder gehe bei einem erfahrenen Freund mit – und haltet dabei die Corona-Regeln ein!

 

Besondere Zeiten = besondere Aufmerksamkeit!

Wie in jedem Jahr hinken Frühling und Sommer in den Bergen dem Kalender hinterher. Zwar hat der warme April nach dem schneearmen Winter schon viele südseitige Wanderwege vom Schnee befreit. In Schattenseiten und Hochlagen hält er sich aber noch hartnäckig und kann zur eisigen Rutschbahn werden. Schneereste, die in der Sonne auftauen, können über Nacht gefrieren und frühmorgens Gefahr bedeuten. Der winterliche Frost lässt Wasser in Felsritzen gefrieren und sprengt so das harte Gestein. Wenn es taut, können Felsbrocken als Steinschlag runterkommen oder Teile von Wegen in felsdurchsetztem Gelände wegbrechen; beim Klettern, auch im Mittelgebirge, können Griffe und Tritte ausbrechen. Felsausbruch bedeutet Absturzgefahr. Steinschlag kann von selbst entstehen, durch andere Bergsportler oder auch durch Gämsen. Um selbst nichts abzubekommen, hilft in felsigem Gelände ein Blick nach oben und zügiges Passieren gefährlicher Zonen. Wer Steinschlag auslöst, warnt andere durch den Ruf „Achtung Stein“.

 

 

Wegeschäden durch Felsausbruch oder Lawinen sind zu Saisonbeginn oft noch nicht ausgebessert. Die Kontaktbeschränkungen und Grenzsperrungen wegen Corona werden es den Ehrenamtlichen der Sektionen in diesem Jahr besonders erschweren, diese Arbeit zu leisten. Mit heiklen Passagen ist also zu rechnen (Info-Foren sind hier wertvoll um sich zu informieren).

 

Auch der Körper braucht Anpassung an den Sommerbetrieb. Selbst wer regelmäßig auf Skitour war, muss die Koordination auf wurzelig-steinige Bergwege umstellen. Die Muskeln müssen sich an die andere Art von Belastung gewöhnen. Und wie steht’s mit der Kondition?

 

Derzeit erleben wir oft einen besonders blauen Himmel - ob wegen Corona oder aus anderen Gründen, sei dahingestellt. Oft brennt die Sonne schon wie im Hochsommer – Sonnenschutz ist angesagt! Und die Klimakrise könnte uns den nächsten Hitzesommer bescheren – bei trockener Luft heißt es besonders viel trinken!

 

 

Die Risikobox nach Grün verschieben

Das persönliche Risiko beim Bergsport lässt sich nicht exakt berechnen. Manche Gefahren lassen sich nicht einmal ohne weiteres erkennen. Risikomanagement ist also ein optimistisches Wort. Aber es funktioniert für die Praxis: Wenn wir versuchen, alle Gefahren zu erfassen und zumindest „über den Daumen“ einzuschätzen, können wir recht gut beurteilen, wo und wie wir im vertretbaren Rahmen unterwegs sind. Ein Rest von Unsicherheit wird dennoch immer bleiben; das gilt es zu akzeptieren – oder man verzichtet eben.

 

Eine Hilfe zur Visualisierung ist die „Risikobox“ (siehe Abbildung). Wir stellen uns dazu eine Kiste vor, in der unser gesamter „Gefahrenballast“ enthalten ist: schwierigere oder leichtere Tour, solides oder kippliges Wetter, gut gesichert oder kühn, top in Form oder übermüdet… Jeden dieser Gefahrenfaktoren schätzen wir nach bestem Wissen und Gefühl ein und markieren ihn mit einem Schieber: von „super, safe, kein Problem“ (grün) bis „grenzwertig, heikel, unklar“ (rot). Nun steht die „Risikobox“ auf einer Klippe, und wenn zu viele Schieber zu weit im roten Bereich sind, kippt sie in den Abgrund. Das heißt, die fragliche Aktion ist zu gefährlich; ich muss eine Alternative finden oder die heiklen Faktoren anderswie entschärfen – also die Schieber nach links schieben.

 

Corona rückt nun zusätzlich die Klippenkante weiter nach links. Das heißt: Ein Restrisiko, das wir in normalen Zeiten als angemessen und akzeptabel betrachtet hätten, wollen wir heute noch ein Stück weiter reduzieren, um der Bergwacht keinen Grund zu geben, ausrücken zu müssen. Denn vergessen wir nicht: Selbst die erfahrensten Bergprofis sind nicht absolut gefeit gegen Fehleinschätzungen, Blackouts oder schlichtes Pech. Und selbst das kleinste Restrisiko wird umso sicherer eintreten, je mehr Menschen unterwegs sind.

 

Klingt zu abstrakt? Ist in der Praxis gar nicht so schlimm. Im Gegenteil, wir haben vielerlei Möglichkeiten, unsere Aktivitäten an Berg und Fels ein Stückchen sanfter zu gestalten. Positiver Nebenaspekt: Das entspannt und rückt den Genuss in den Vordergrund. Oder braucht’s etwa in diesen Zeiten noch zusätzlichen Stress in der Freizeit?

 

 

Tipps: Wandern in Corona-Zeiten

Tipps zur Risikoreduktion in der Praxis

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Dieser Saisonstart ist nicht wie jeder andere. Für die meisten von uns liegt die letzte Bergtour schon ein wenig zurück, viele haben während des Lockdowns auch weniger Sport gemacht als sonst. Doch mit ein wenig Vorbereitung und bei Beachtung einiger Regeln steht uns eine tolle Bergsaison bevor. Selbsterkenntnis ist der goldene Weg zur Sicherheit: Kenne und beachte deine Kompetenzen und Grenzen! Wie gut sind deine Kenntnisse in Tourenplanung und Orientierung, deine Trittsicherheit im alpinen (Steil-)Gelände? Wie schwer war deine schwerste, wie lang die längste Tour, die du noch mit Reserven souverän beendet hast? Bleibe zumindest bei den ersten Unternehmungen deutlich unterhalb dieser Grenzen.   

Tipps: Klettern in Corona-Zeiten

Tipps zur Risikoreduktion in der Praxis

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In einigen Bundesländern war Felsklettern erlaubt, in anderen nicht. Die Kletterhallen waren überall geschlossen. Kein Wunder, dass viele jetzt heiß aufs Klettern sind. Doch diese Saison gibt es neben den normalen Regeln noch ein paar weitere zu beachten. Die Lockerung der Corona-Beschränkungen wird in den Bundesländern unterschiedlich gehandhabt. An Felsen in der Natur zu gehen, ist natürlich nur erlaubt, wenn solche Regelungen dem nicht im Weg stehen. Ebenfalls selbstverständlich, wenn auch nicht risikorelevant, ist es, dass man Sperrungen aus Naturschutzgründen und am Fels die DAV-Empfehlungen zu naturverträglichem Klettern beachtet. Aktuelle Infos zu Kletterregionen findet ihr hier.