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Bouldern boomt!

24.05.2012, 09:51 Uhr

Bouldern: Das große Spiel an den kleinen Blöcken

 

Winter, irgendwo in einem deutschen Mittelgebirge: Ein paar dick in Daunen gewandete Gestalten tragen riesige Rollen auf dem Rücken durch den Wald oder schleifen Matten hinter sich her. Was geht hier vor sich? Der zufällige anwesende Wanderer hat keinen blassen Schimmer. Dabei hat er gerade die Spezies „Boulderer“ auf dem Weg zu ihrer Lieblingsbeschäftigung beobachtet. Zu kalt? Gibt es nicht. Der optimale Grip beginnt erst bei Null Grad…

 

Website Bouldern (von Boulder - engl.: Felsblock) – also „Felsblockeln“ ist es, was die beobachteten Gesellen treiben – „seilfreies Klettern in Absprunghöhe“ nennen es die Lehrbücher. In den letzten Jahren hat sich diese Subdisziplin des Kletterns mit rasanter Geschwindigkeit von einer Trainingsform des „echten“ Kletterns mit Seil zu einer eigenständigen Trendsportart entwickelt. Mittlerweile wird sowohl am Fels als auch an der Kunstwand gleichermaßen gebouldert – je nach Wetterlage oder Verfügbarkeit von Fels in der Nähe eben drinnen oder draußen. Viele Kletterer gehen ausschließlich bouldern, es gibt eine eigenständige Szene, eigene Schwierigkeitsskalen, eigene Bekleidung, eigene Wettbewerbe und einen eigenen sprachlichen „Szenecode“ – sportsoziologisch gesehen alles Merkmale einer eigenständigen Sportart. Es gibt Wettkämpfe in allen Organisationsgraden und für fast alle Könnensstufen - vom Funwettkampf bis zur Weltcupserie. Der Boulderboom verwundert nicht, denn das Bouldern ist die „coolere“, geselligere, weniger reglementierte Version des Kletterns, die gerade die junge Generation anspricht. Bouldern ist Klettern ohne viel Material mit der Reduktion auf das Wesentliche: Die Kletterbewegung und das kreative Beschäftigen mit den Griffen und Tritten, die die Wand bietet. So geht es entweder um das Bewältigen maximal schwerer Kletterstellen oder einfach um das ästhetische Bewegen an der Wand und den vielzitierten „Flow“, dem Aufgehen in der sportlichen Betätigung.

 

 

Reportage Bouldern, BWC Website Aber strenggenommen ist die Boulderszene trotz vermeintlich cooler Attitüde und weiten Hosen näher dran an der klassischen Bergvagabunden-Romantik, als man zuerst denken mag: Das Gemeinschaftsgefühl steht beim Bouldern stark im Vordergrund - erst in der Gruppe mit Gleichgesinnten macht das Tüfteln an harten Zügen und komplexen Bewegungen so richtig Spaß und wenn erst einmal einer etwas probiert, kommen schnell weitere Gleichgesinnte dazu. Außerdem ist  man meist auf die Unterstützung der anderen angewiesen, denn im Falle eines Sturzes hofft man darauf, dass einen der andere sicher auf die Bouldermatte leitet. Somit wird auch beim Bouldern Verantwortung für den Kletterpartner übernommen und es werden Kompetenzen wie Kreativität, Risikobewusstsein und Frustrationstoleranz gefordert. Ganz wie die alpinen Urväter lebt auch der Boulderer meist mit und in der Natur und widmet jede freie Minute dem vertikalen Treiben. Boulderer sind zudem Minimalisten: Außer den Kletterschuhen, einer Zahnbürste für die Griffe und einem „Crashpad“ - der Bouldermatte - braucht es nur noch den Fels – oder zur Not auch die Kunstwand.

 

 

Alexander Megos-ispo 2012 Gerade in den felsfernen Kletterhallen sieht man immer mehr Kletterer an den Boulderwänden: Wer wenig Zeit zur Verfügung hat oder eben die geselligere Variante des Kletterns bevorzugt, geht zunehmend bouldern. So findet sich auch für Sektionen, die das Projekt „große Kletterhalle“ nicht stemmen können, immer eine Möglichkeit, einen Boulderraum einzurichten und somit Kletterbegeisterte innerhalb und außerhalb der Sektion zu aktivieren. Oftmals ist auch ein Sektions-Boulderraum die erste Keimzelle für Klettergruppen aller Leistungsstufen und führt nicht selten zur Entscheidung: „Wir bauen eine Kletterhalle!“ Auch die Boulderwettkämpfe haben derzeit einen ungebrochenen Zulauf – vor allem offene Veranstaltungen mit lockerem Reglement, bei denen sich Topkletterer neben Freizeitsportlern tummeln, locken bis zu 200 Teilnehmer an die Wände. Denn auch beim Wettkampf zählt hier vor allem Eines: Mit Gleichgesinnten eine lässige Bouldersession zu erleben. Selbst bei den "ernsten" Weltcups ist immer noch etwas von dieser Attitüde unter den Kletterern zu spüren.

 

 

Reportage Bouldern, BWC Website Dabei ist das Bouldern keinesfalls ein Produkt der aktuellen Trendsportindustrie: Schon die Alpinisten des späten 19. und frühen 20. Jahrhundert trainierten vor allem in den mittelenglischen Gritstonegebieten und dem französichen Fontainebleau an kleinen Felsblöcken für große Wände in den Alpen. In Fontainebleau wurden hierfür in den sogenannten „Boulderparcours“ gar bis zu fünfzig Boulder direkt aneinander gereiht, um die Kletterstrecke in einer Alpenwand zu simulieren.  Auch in Deutschland begannen in den dreißiger Jahren einige wenige Kletterer, zu Trainingszwecken an kleinen Wänden zu klettern: So wurden in Buchenhain bei München zu dieser Zeit bereits extrem schwere Quergänge geklettert, die von der reinen Kletterschwierigkeit der Zeit weit voraus waren. Überhaupt waren es in der Geschichte des Kletterns meist die Bouldergebiete, in denen die Kletterschwierigkeiten nach oben geschoben wurden: Lange bevor die entsprechende Schwierigkeit in Routen umgesetzt werden konnte, wurden hier bereits maximal schwere Einzelstellen geklettert und unter Gleichgesinnten an ausgefallenen Körperpositionen und neuen Techniken gefeilt. Bouldergebiete wie Fontainebleau, die Blöcke im legendären Camp 4 im Yosemite/ USA oder auch in England dienten der jeweiligen Kletterelite der Zeit als Betätigungsfeld und als Kaderschmiede. Teilweise konnten diese „Gründerzeitboulder“ erst etliche Jahre nach der Erstbegehung überhaupt wiederholt werden – bestes Beispiel sind die Boulder von Jim Holloway aus den 1970er Jahren in den USA, die erst vor wenigen Jahren wiederholt werden konnten und damals wohl mit Abstand die schwersten Kletterzüge weltweit gewesen sein dürften!

 

MKO DBC Überlingen 2012 088 So ist auch die Leistungsexplosion im Sportklettern in den letzten Jahren eng mit dem Bedeutungszuwachs des Boulderns und hier vor allem dem Bouldern an künstlichen Wänden verbunden: Erst das wetterunabhängige Trainieren unter reproduzierbaren oder selbst wählbaren Bedingungen in den Kletterhallen hat die Schwierigkeitsgrade explodieren lassen. Vor allem die jungen Protagonisten des Sportkletterns und Boulderns wie Adam Ondra, Chris Sharma oder Dave Graham sind mit dem Bouldern in der Kletterhalle aufgewachsen und haben eine neue, kreative und vom Bouldern inspirierte Sichtweise auf das Klettern und einen völlig neuen Kletterstil entwickelt. Dieser ist wie das Bouldern neben einem allgemein hohen Finger- und Körperkraftniveau gekennzeichnet durch schnelles Umschalten zwischen verschiedenen Geländeformen, sehr schnellem Positionieren an der Wand und dem Ausnutzen von Körperschwüngen zur Fortbewegung – die alte Dreipunkteregel ist längst passé. Vor diesem Hintergrund hat diese neue Generation die Schwierigkeiten mittlerweile bis in den zwölften Grad vorangetrieben und auch die Anforderungen bei den Kletterwettkämpfen orientieren sich mittlerweile an diesem neuen Stil: Spektakuläre Sprünge und ungewöhnliche Körperpositionen sind hier mittlerweile Standard.

 

Reportage Bouldern, BWC Website Eine derartige, explosionsartige Verbreitung und Entwicklung bleibt natürlich nicht ohne negativen Folgen: Vor allem durch die massiven Belastungen durch kleine Griffe oder athletische Bewegungen an Fels und Kunstwand entstehen zunehmend Verletzungen und Überlastungsschäden. Gerade in der Gruppe ist es nicht immer leicht, die eigenen Grenzen anzuerkennen. Auch das Abspringen/ Stürzen ist in vermeintlicher „Absprunghöhe“ oft nicht ungefährlich – einige Boulder ähneln eher Kletterrouten, die seilfrei begangen werden - und in überfüllten Boulderräumen ist das Abspringen oder plötzliche Fallen ohnehin risikoreich. Weitere negative Folgen des Boulderbooms zeigen sich mittlerweile in einigen Felsgebieten: An schönen Wochenenden geht es zu wie in der Kletterhalle – Probleme mit Anwohnern, Bauern oder Naturschützern sind quasi vorprogrammiert und erfordern ein überlegtes Problemmanagement, um beiden Seiten gerecht zu werden.

 

 

Davon abgesehen ist Bouldern aber vor allem eines: Die Reduktion des Kletterns auf das Wesentliche, oder wie die amerikanische Kletterlegende John Bachar einmal gesagt hat: „Bouldern ist das Höchste der Kletterkunst“ – egal ob am Fels, in der Halle oder beim Wettkampf. Und wer sich die weltbesten Boulderer einmal live ansehen will, der tut das am besten zum Weltcup im Olympiastadion!