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Hoch hinaus! Hütten und Wege in den Alpen.

08.03.2017, 11:00 Uhr

Matratzenlager, Kaiserschmarrn und schweißtreibende Anstiege – für Bergbegeisterte keine Fremdwörter. An den 500 Schutzhütten und 30.000 Kilometer Wegen, die die Alpenvereine in den letzten 150 Jahren aufbauten und seitdem pflegen, kommt der Alpenbesucher heute nicht vorbei. 

 

Die neue Sonderausstellung „Hoch hinaus! Wege und Hütten in den Alpen“ des Deutschen Alpenvereins (DAV) untersucht erstmalig das Phänomen der alpinen Schutzhütten sowohl aus kultur- als auch architekturgeschichtlicher Sicht. Im Mittelpunkt steht die Frage, was die Besonderheit der alpinen Wege und Hütten ausmacht und wie der Typus „Hütte“ entstand. Parallel zur Ausstellungseröffnung wird auch die alte Höllentalangerhütte, die 2013 im Wetterstein abgetragen und auf der Praterinsel wiederaufgebaut wurde, feierlich eingeweiht. „Eines unserer schönsten Ausstellungsstücke ist die Ur-Hölle“, freut sich Friederike Kaiser, Geschäftsbereichsleiterin Kultur beim Deutschen Alpenverein. „Sie ist ein wundervolles Beispiel für die Anfänge des Schutzhüttenbaus und erzählt ungewöhnliche Geschichten. In ihr können unsere Besucher Bergleben um 1900 hautnah erleben.“ Zu sehen ist die Ausstellung vom 9. März 2017 bis 8. April 2018 im Alpinen Museum auf der Praterinsel.

 

Erbe mit Aussicht: Von Schutzhütten und „Berg-Hotels“

1893 rückten die Hütten des damaligen Deutschen und Österreichischen Alpenvereins das erste Mal in den Fokus der internationalen Öffentlichkeit. Auf einem mehrere Meter breiten Panorama konnten 27 Millionen Besucher der Weltausstellung in Chicago die Braunschweiger Hütte bewundern. 

 

Dabei dominierten auf dem Monumentalgemälde die Gipfel der „Oetzhaler Eiswelt“, die Hütte war kaum zu finden. Das Panorama macht deutlich, wofür Hütten und Wege stehen: Sie ermöglichen, sich in der abweisenden Bergwelt zu bewegen. Gleichzeitig fällt auf: Die Hütte ist klein, einfach und nicht bewirtschaftet. Das bauliche Konzept der Sektion Braunschweig war weit entfernt von den „Berg-Hotels“, die bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert zur Zeit des beginnenden Fremdenverkehrs in den Alpentälern der Ostalpen gebaut wurden. Das Anliegen der Sektion Braunschweig war der „alpine Zweck“: bei Wanderungen zu touristisch unbekannten Spitzen eine Übernachtung und körperliche Stärkung zu ermöglichen. 

 

„Ob eine Hütte gebaut werden und welche Aufgabe sie erfüllen soll, wurde unter den Mitgliedern der jeweiligen Alpenvereinssektion oft und lange diskutiert“, weiß Friederike Kaiser. „Vor allem die Frage, wie viel Komfort auf einer Hütte angebracht ist, bewegt die Gemüter bis heute.“ Stark steigende Hüttenbesuchszahlen nach dem Ersten Weltkrieg führten zu dem Versuch, Nicht-Bergsteiger durch spartanische Einfachheit abzuschrecken. 

 

1923 wurden die sogenannten „Tölzer Richtlinien“ verabschiedet. Sie sahen Matratzenlager mit Decken statt Zimmern mit Federbetten vor. Die Verpflegung sollte einfach sein, auf Radio und Grammophon verzichtet werden. „An den Bauplänen und den Speisekarten der damaligen Zeit lässt sich jedoch ablesen, dass Wirte und Sektionen die Tölzer Richtlinien von Anfang an sehr unterschiedlich einhielten“, schmunzelt Friederike Kaiser. „Nach wie vor gab es auch Zimmer mit wenigen Betten und Kalbsbraten, Schnitzel und Wein auf Speisekarten.“

 

Waren die ersten Schutzhütten wie die Braunschweiger Hütte noch einfach, funktional und günstig im Bau, spiegelten die Hütten der zweiten Generation die Bedürfnisse der städtisch-bürgerlichen Gesellschaft wieder, aus der die Mehrzahl der Alpinistinnen und Alpinisten kamen. „Um die Jahrhundertwende baute man holzvertäfelte Hütten mit Erkern und stattete sie mit Möbeln und Porzellan aus“, erzählt die Architektin und Kunsthistorikerin Doris Hallama, die an der Universität Innsbruck mit den Schwerpunkten alpine Kulturlandschaft- und Baukulturforschung lehrt. „Die Bergführer schliefen auf Strohlagern getrennt von „der Herrschaft“ auf dem Dachboden. Wo möglich, wurde den Damen ein eigener Schlafraum zugestanden.“

 

Die Alpenvereinshütten wurden Selbstzweck und Aufenthaltsort. Von einfachen Hüttenbauten hatte man sich entfernt. „Wo neu gebaut wurde, war das kein Problem“, weiß Doris Hallama. „Die Baugeschichte der meisten Schutzhütten ist jedoch vor allem eine Geschichte ihrer Erweiterung.“ Die An- oder Zubauten und Aufstockungen machen heute häufig den eigentlichen Charakter einer Hütte aus. Ein wunderbares Beispiel hierfür ist die 1894 erbaute Ur-Hölle. „Wie man bei uns auf der Praterinsel sieht, war die Hütte ursprünglich ein sechs Mal sieben Meter großer Blockhausbau mit Platz für 30 Personen“, sagt Friederike Kaiser. „Schnell erreichte die Hütte ihre Kapazitätsgrenzen. Zunächst plante man einen Anbau, den man aufstockte. Später baute die Sektion München ein drittes Gebäude. Ab 1926 gab es rund 100 Schlafplätze im Höllental.“ 

 

Mit der ökologischen Krise in den 70er Jahren kam Bewegung in den Hüttenbau. „Die Forderung nach umweltfreundlichem Bau und Betrieb der Hütten leitete einen spürbaren Wandel ein“, erklärt Doris Hallama. „Ökologisches Bauen und ein behutsamer Umgang mit der Landschaft zeigen sich in der heutigen Hüttenarchitektur.“ Aktuelle Sicherheits-, Umwelt- und Hygieneanforderungen waren auch maßgebliche Gründe für den Abriss der alten Höllentalangerhütte und den Ersatzbau an gleicher Stelle im Höllental. 

 

Schutzhütte mitten in München

Dass die Urzelle der Höllentalangerhütte auf der Praterinsel eine Heimat findet und die Anfänge des Schutzhüttenbaus mitten in München erlebbar sind, ist nur durch die finanzielle wie fachliche Unterstützung mehrerer Förderer möglich. Neben der Versicherungskammer Bayern, seit 20 Jahren Partner des DAV im Bereich Hütten und Wege, unterstützte auch die Landesstelle für Nichtstaatlichen Museen in Bayern, die Regierung von Oberbayern sowie die Sektion München maßgeblich den Wiederaufbau. Für die Sektion München lebt so ein wichtiger Teil der Sektionsgeschichte weiter. 

 

Hörstationen mit nachgestellten Dialogen des damaligen Wirtes und seines Personals sowie literarische Erzählungen von Hüttenbesuchern machen beispielsweise deutlich, wie einfach die Hütten zu Anfang ausgestattet waren und wie schwierig Bau, Transport und Bewirtschaftung sich gestalteten. „Wir freuen uns, unseren Besuchern ein buntes Potpourri aus 150 Jahren Bergkultur zu präsentieren“ freut sich Friederike Kaiser. „Verbotsschilder, Originalstühle verschiedener Hütten, Postkarten, Gemälde und zahlreiche Modelle zeigen, wie die Hütten unser Bergerlebnis prägen. Und wer Kultur live vor Ort in den Bergen erleben möchte, darf sich auf ein tolles Programm unserer Sektionen freuen: Von Hüttenfesten über Ausstellungen bis hin zu geführten Wanderungen ist alles dabei.“

 

Infos zur Ausstellung

9. März 2017 bis 8. April 2018

im Alpinen Museum, Praterinsel 5, 80538 München

Öffnungszeiten Di - So 10 bis 18 Uhr

www.alpenverein.de/Kultur/Huetten-Ausstellung/

 

Presserundgang:       Mittwoch, 8. März 2017, 17.30 Uhr

Eröffnung:                  Mittwoch, 8. März 2017, 19.00 Uhr

Anmeldung:                presse[Klammeraffe]alpenverein[Punkt]de

 

 

Bildmaterial unter skyfish.com/p/alpenverein/779432

 

Übersicht über das Begleitprogramm mit Führungen, Podiumsdiskussionen und Expertengesprächen unter alpenverein.de/Kultur/Huetten-Ausstellung/Veranstaltungen-zur-Ausstellung/

 

Parallel zur Ausstellung erscheint eine zweibändige Publikation unter dem Titel „Hoch hinaus! Wege und Hütten in den Alpen“ im Böhlau-Verlag. Rezensionsexemplare können bei Sabine Rehorst angefordert werden: sabine[Punkt]rehorst[Klammeraffe]boehlau-verlag[Punkt]com

 

Detaillierte Informationen zu "Ur-Hölle" gibt es unter alpenverein.de/presse/wiederaufbau-hoellentalangerhuette_aid_17375.html