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Zweiter Teil des 5. Weltklimarat-Berichts veröffentlicht

Neueste Erkenntnisse des Weltklimarats prognostizieren dramatischere Folgen der Erderwärmung als bislang angenommen. Die Auswirkungen des Klimawandels sind schon heute spürbar – auch in den Alpen!


Anfang April hat der zwischenstaatliche Ausschuss über Klimaveränderung (IPCC = Intergovernmental Panel on Climate Change) auch bekannt als Weltklimarat den zweiten Teil seines 5. Sachstandsberichts (5th Assessment Report = AR5) im japanischen Yokohama verabschiedet. Darin werden die neuen Erkenntnisse zu Risiken und Folgen des Klimawandels sowie Möglichkeiten der Anpassung thematisiert. Zudem präsentiert diesmal ein separater Teil auch regionale Auswertungen.

 

Die Prognosen zur Klimaveränderung sowie deren Folgen geben Grund zur Besorgnis. Sollte der aktuelle Emissionstrend anhalten, ist mit einer globalen Temperaturerhöhung um 2,6 bis 4,8 °C bis ins Jahr 2100 zu rechnen. Die Folge: starker Meeresspiegelanstieg, drastischer Rückgang der weltweiten Gletschergebiete, aber auch Zunahme von Extremwetterereignissen wie Hochwasser, Dürreperioden oder Stürme.

 

Klimawandel im Alpenraum

In den Alpen sind die Veränderungen bereits heute deutlich stärker ausgeprägt. Seit dem Beginn der Industrialisierung ist der Temperaturanstieg hier etwa doppelt so hoch ausgefallen als im globalen Mittel. Die negativen Auswirkungen auf Natur und Wirtschaft werden weiter zunehmen. Die Gletscherschmelze wird sich beschleunigen, Hang- und Berginstabilitäten aber auch die weiter schwindende Schneesicherheit, vor allem in niedrig gelegenen Wintersportregionen, sind zu erwarten. Nicht nur der sensible Naturraum sondern auch der Tourismus sowie die Wald- und Forstwirtschaft werden erheblich von den Folgen der Klimaerwärmung betroffen sein. Diese Tatsache gilt es insbesondere bei Anpassungsmaßnahmen in angemessenem Umfang zu berücksichtigen.

 

Ausführlichere Zusammenfassungen der zu erwartenden globalen bzw. regional auf den Alpenraum bezogenen Veränderungen können Sie in den folgenden Abschnitten lesen.

 

Zusammenfassung der ersten beiden Teile des AR5

Der bereits Ende September veröffentlichte erste Teil des AR5, der sich mit den physikalisch-wissenschaftlichen Grundlagen des Klimasystems und der Klimaänderung befasst, machte deutlich, dass die Wissenschaft mit immer größerer Sicherheit (> 95%) den Mensch als dominante Ursache der globalen Erwärmung ausmachen kann. Der Einfluss natürlicher Faktoren, wie beispielsweise Schwankungen der Sonnenaktivität, an der Erwärmung seit 1950 wir durch den IPCC auf ± 0,1 Grad Celsius beziffert.

 

Klimawandel global

Nach wie vor liegen die Hoch- rechnungen zur durchschnittlich zu erwartenden globalen Temperaturerwärmung bis ins Jahr 2100 im Referenzbereich zwischen 0,3 und 4,8 Grad Celsius (siehe Grafik). Diesen Berechnungen liegen verschiedene Szenarien zugrunde, die Annahmen zur zukünftigen Bevölkerungsentwicklung sowie zum Wirtschaftswachstum treffen. Entsprechend unterscheiden sich auch die prognostizierten Risiken, mit denen bei den jeweiligen Szenarien zu rechnen ist.

 

Der blaue RCP2.6 Bereich in der Grafik zu Temperaturprognosen beispielsweise, ist ein neu im AR5 integriertes Klimaschutzszenario das eine weltweite Treibhausgas-Emissionsreduktion von mindestens 50% bis 2050 gegenüber dem Referenzjahr 1990 voraussetzt - in Industrieländern bedeutet dies eine Reduktion um 80-95%. Damit ließe sich die globale Erwärmung auf unter 2 °C stoppen – das erklärte Ziel, um gravierende ökologische Schäden so gering wie möglich zu halten. Dem roten RCP8.5 Bereich liegt die Annahme ungebremster Emissionen, also der derzeitige Emissionstrend, zugrunde. Dies hätte erhebliche Gefahren und irreparable Schäden für wichtige Ökosysteme zur Folge und würde extreme Wetterereignisse stark begünstigen. Ein Meeresspiegelanstieg um bis zu 98 cm (bis 2100), praktisch eisfreie Sommer im arktischen Ozean bis 2050 oder der nahezu komplette Verlust von Gletschern und Permafrostgebieten sind sehr wahrscheinliche Szenarien, sollten die Emissionen nicht erheblich reduziert werden.

 

Die Ergebnisse des kürzlich veröffentlichten zweiten Teils des AR5 „Auswirkungen, Anpassung und Verwundbarkeit“ schätzen die Folgeerscheinungen deutlich gravierender ein als bisher angenommen. Die Forscher kommen zu dem Ergebnis, dass die Auswirkungen des Klimawandels u.a. das Risiko für Konflikte, Hungersnöte und Extremereignisse wie Überflutungen, Stürme oder Dürren in den kommenden Jahrzehnten vergrößern.

 

Diese neuen Erkenntnisse sollten die internationale Staatengemeinschaft zum beschleunigten Handeln bewegen. Die bisherigen Bemühungen zur Begrenzung der Erderwärmung reichen bei weitem nicht aus. Um die Risiken in den nächsten Jahrzehnten einzudämmen müssen Regierungen ihre sofortigen Klimaschutzbemühungen verstärken und Ende 2015 endlich ein verbindliches globales Klimaabkommen bereitstellen, das das Handeln beschleunigt und Emissionen deutlich reduziert. Hier sind wir alle gefragt, denn eine derart große gesellschaftliche Herausforderung braucht den Beitrag eines jeden einzelnen.

 

Quellen: IPCC und http://www.scilogs.de/klimalounge/

 

Und wie sieht es in den Alpen aus?

Das sensible Ökosystem Alpen wird laut der regionalen Studien des AR5 in den kommenden Jahrzehnten insbesondere durch den weiteren Anstieg der durchschnittlichen Lufttemperaturen, der Zunahme von Extremniederschlägen im Herbst und Winter sowie der Verschiebung der Saisonalitäten zum Teil stark betroffen sein. Die Folgen: schwindende Gletscher, vermehrt Steinschlag- und Bergsturzgefahr, erhöhtes Hochwasserrisiko, Schneeunsicherheit in tiefer gelegenen Skigebieten sowie der Verlust von Artenvielfalt.

 

Diesbezüglich sind vor kurzem die Ergebnisse eines Forschungsprogramms zu Klimafolgen-Szenarien im Alpenraum präsentiert worden. In dem Bericht CH2014-Impacts werden die Veränderungsprozesse beispielhaft an 50 Schweizer Gletschern simuliert. Die erschreckende Prognose: nahezu vollständiger Verlust der Gletscher-Eismassen bis zum Ende des Jahrhunderts. Ein Szenario, das alle Alpenregionen zu erwarten haben - mit erheblichen Auswirkungen auf die Abflussmengen der von Gletschern gespeisten Flüsse. Von diesem Schmelzprozess sind aber auch die Permafrostböden betroffen - ständig gefrorene Böden, die als Stabilisator fungieren. Zusammen mit der Zunahme von Starkniederschlägen im Herbst und Winter bedeutet dies ein enormes Gefahrenpotential für alpine Regionen. Steinschläge und Bergstürze aber auch Erd- und Hangrutschungen sowie Hochwasser gefährden nicht nur die Infrastruktur in den Tälern sondern wirken sich auch in erheblichem Maße auf das ökologische Gleichgewicht des alpinen Raums und die Bergsportaktivitäten aus. Vormals sichere Wege sind ebenso bedroht wie hochgelegene Hütten oder Verankerungen die ihr Permafrost-Fundament verlieren. In den Sommermonaten hingegen steigen die Wahrscheinlichkeit von Dürreperioden und das daraus resultierende Risiko von Waldsterben und Waldbränden.

 

Diese sehr unterschiedlichen und vermutlich sich abwechselnden Phasen von Dürre- und Hochwasserereignissen machen deshalb speziell für den Alpenraum entwickelte Maßnahmen dringend notwendig.

 

 

Auch wirtschaftliche Veränderungen zu erwarten

Neben dem Naturraum ist aber auch der Tourismus als wichtiger Wirtschaftsfaktor in den Alpen von den Folgen des Klimawandels betroffen. Während die globale Erwärmung Chancen für Zuwächse im Bereich des Sommertourismus (z.B. durch die steigende Zahl der Sommertage) bietet, sehen sich die Winter-sportgebiete mit schwindenden Voraussetzungen für einen wirtschaftlich erfolgreichen Skitourismus konfrontiert. Der Ausbau von Beschneiungsanlagen ist gerade in tiefer gelegenen Skigebieten keine langfristig praktiable Lösung. Anpassungsmaßnahmen wie die Tendenz, die wirtschaftliche Grundlage der Tourismusregionen mit neuartigen Erlebnis-Einrichtungen für den Sommertourismus zu verbreitern dürfen nur mit Rücksicht auf Natur und Landschaft entwickelt und umgesetzt werden. Denn alpiner Tourismus kann sich nur auf Basis intakter Natur und Landschaft an die Folgen des Klimawandels anpassen.

 

Quellen: IPCC und CH2014-Impacts