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„Das Wichtigste ist der Erlebniswert“

Interview mit Wilfried Studer, Hüttenwirt der Prager Hütte

Wilfried Studer ist der neue Hüttenwirt der Prager Hütte am Großvenediger. Gemeinsam mit seiner Frau Sylvia und Tochter Claudia startet er nun in die erste Saison. Zuvor bewirtschaftete die Familie die Mannheimer und die Oberzalimhütte im Rätikon. Der Bergsteiger und Bergführer zählt unter anderem Winterbegehungen des Matterhorns, Eigernordwand und Grandes Jorasses, die komplette Nordwandtrilogie im Sommer und Winter sowie die höchsten Gipfel der Andenländer zu seinen Erfolgen. 1984 brach Wilfried den Weltrekord im Firngleiten mit 139 Km/h. Vor vier Jahren standen Wilfried, Sylvia und Claudia als erste Familie auf dem Mount Everest.

 

 

Wilfried, Du hast kürzlich die Prager Hütte als Hüttenwirt übernommen. Wie kam es dazu?

Wir haben als Familie 8 Jahre lang die Mannheimer und die Oberzalimhütte betrieben. Aber unsere Tochter Sandra hat nun kleine Kinder. Da ist es schwierig geworden, zwei Hütten zu bewirtschaften. Meine Frau Sylvia, unsere Tochter Claudia und ich möchten uns nun zu dritt der Prager Hütte widmen. Wir hatten eine Hütte in exponierter Lage gesucht - mit einem „richtigen“ Berg im Hintergrund. Das ist nun der Großvenediger geworden.

 

Was ist für Dich das Besondere an der Prager Hütte?

Die Lage mitten im Nationalpark Hohe Tauern, das alpine Hinterland und der mächtige Schlattenkees direkt bei der Hütte begeisterten uns. Diese Merkmale sind auch ein Anziehungspunkt für internationales Publikum. Nahe der Prager Hütte warten nicht nur der Großvenediger, sondern auch viele weitere Gipfel wie Rainerhorn, Schwarze Wand oder Hoher Zaun. Viele Bergsteiger können gleich zwei Nächte bleiben, um die Möglichkeiten auszuschöpfen. Wir bieten unseren Gästen auch Leihausrüstung an. Das Gebiet ist außerdem ideal für Ausbildungskurse. Und wir freuen uns darauf, jetzt auch im Winter zu öffnen. Denn das Innergschlößtal ist ein attraktives Skitourengebiet.

Die Hütte ist in sehr gutem Zustand, sie wurde kürzlich generalsaniert. Mit dem Rapsöl-Blockheizkraftwerk und einer Photovoltaik-Anlage bietet sie nun eine umweltgerechte Energieversorgung. Aber auch die alte Bausubstanz ist erhalten. Die Stube steht unter Denkmalschutz.

 

Wie verbindest Du Deine Rollen als Bergführer und Hüttenwirt?

Ich sehe mich in der Verantwortung, den Gästen alpine Regeln nahezubringen. Zum Beispiel, dass sie ihren Abfall mitnehmen. Und nicht alle Gäste sind adäquat ausgerüstet. Manche Leute kommen mit Schuhen, die jahrelang im Keller standen. Bergsteigen ist heute ein Breitenbergsport geworden. Manche Leute wollen abends auf den Gipfel. Da muss ich auf die Gefahren hinweisen. Wenn viele Leute unterwegs sind, täuscht das über die Risiken hinweg; man beachtet nicht die eigene Person. Jeder muss sich jedoch immer bewusst machen: was passiert, wenn ich jetzt auf mich allein gestellt wäre?

 

Wie arbeitet ihr auf der Hütte zusammen?

Wir sind ein eingespieltes Team. Meine Frau Sylvia übernimmt die Küche, unsere Tochter Claudia alles rund um die Betreuung der Gäste. Ich bin zuständig für die Technik und auch als Bergführer unterwegs. Unsere Tochter Nicole unterstützt uns dann in der Hauptsaison. Und eine Reinigungskraft kommt noch hinzu.
 

Fühlst Du Dich als Wirt nicht zu sehr ans Haus gefesselt?

Nein, ganz und gar nicht. Ich freue mich immer darauf, den halben Tag auf der Hütte zu verbringen.

 

 


Was waren für Dich persönlich die prägendsten Bergerlebnisse?

Vor 20 Jahren erlebte ich am Illimani eine Tragödie. Ich verlor beim Abstieg zwei Freunde. Das kann ich bis heute nur schlecht verarbeiten. Ich erlitt schwere Erfrierungen und meine beiden Vorderfüße mussten amputiert werden. Wenn man immer Erfolg hat, dann wird man irgendwann übermütig. Planung ist unglaublich wichtig, aber man kann nicht alles voraussehen. Man denkt sich „das geht schon“ und übersieht die Gefahren. Von da an war ich nur noch mit meiner Frau unterwegs. Den Mount Everest wollten wir gemeinsam mit unserer Tochter Claudia besteigen. Wir haben mehrere Versuche unternommen, alles in Eigenregie und ohne zu viel Risiko einzugehen. 2010 hat es dann geklappt. Das war für mich auch ein Wendepunkt: Die Zeit der 8000er ist für mich seitdem vorbei. Jetzt konzentriere ich mich gerne wieder auf die Alpen.

 

Was sind für Dich die Alpen verglichen mit den Bergen der Welt?
Die Alpen sind meine Heimat, hier bin ich aufgewachsen. Irgendwann hatte ich in den Alpen alle schwierigen Ziele erreicht. Da sucht man sich automatisch neue Ziele im Himalaya oder in den Anden. So ist es nunmal: Wenn Du oben stehst hast Du gleich den Blick zum nächsten Gipfel. Die Alpen bleiben für mich das schönste Gebiet zum Bergsteigen. Es ist auch die erschlossenste Bergregion, sie bietet die beste Infrastruktur. Es ist gibt kaum Schöneres als eine Skitour im Mai. Warum sollte ich dann nach Nepal fahren? Da bleibe ich doch lieber hier!

 

Wenn man Dich fragt, warum man die Prager Hütte besuchen sollte, was würdest Du antworten?

Der Erlebniswert ist das Wichtigste. Dazu gehört zum Beispiel, den Sonnenaufgang und -untergang an der Prager Hütte zu erleben. Oder auf einer Gletschertour über eine Spalte zu gehen. Es kann auch ein Erlebnis sein, die Hüttenwirtsfamilie kennenzulernen. In der Gaststube werde ich vor dem Abendessen Filme meiner Bergerlebnisse zeigen, insbesondere aus dem Himalaya und Südamerika. 

 

Und wann geht es los…?

Wir öffnen am 19. Juni 2014. Bis dahin arbeite ich mich noch weiter in die Technik ein. Darüber bekommt man gleich eine enge Verbindung zur Hütte. Im April führe ich allerdings noch eine Tour in Chile.

 

…ist das nicht ein bisschen viel Programm?

Ach, wir sind auch schon einmal kurz vor Saison-Start auf dem Alpamayo gestanden. Das ist kein Problem für uns. Man braucht solche Ziele!

 

Mehr Infos unter www.prager-huette.de

Mehr über Wilfried Studer unter www.w-studer.at