Denkmal oder Klassiker
Sanieren, Belassen oder Einbohren
„… der Grat wird mit dem Zugspitzpublikum überflutet.“
„Das ist der Geist der Intoleranz allen denjenigen gegenüber, die weniger können ... mit dem turistischen Massenbetrieb sind die alten idyllischen Zustände für immer dahin ... Die Entwicklung schreitet unaufhaltsam darüber hinweg.“
Nein, diese Zitate sind nicht der neuesten Ausgabe von „Klettern“ entnommen. Sie sind über 100 Jahre alt und galten der geplanten Drahtseil-Anlage am Jubiläumsgrat. Über das Projektstritten sich Georg Leuchs, ein anonymer Leserbriefschreiber und der Initiator Alfred Steinitzer. Etwa zur gleichen Zeit entflammte der Mauerhakenstreit die Gemüter der Kletterer; einer der Protagonisten war Tita Piaz: „Wir wollen lieber vier oder auch zwanzig Meter am sichernden Seil hängen (vielleicht mit gebrochenem Bein), als dass die Raben im dunklen Abgrund Schmaus an unseren Leichen halten.“
Sein Gegenspieler Paul Preuss entgegnete:
„Der Gedanke, wenn du fällst, hängst du drei Meter am Seil, hat geringeren ethischen Wert als das Gefühl: ein Sturz und du bist tot.“
Hakenkriege und kein Ende?
Lange existierten diese zwei Stilformen nebeneinander, denn Berg gab es genug: kühne Freikletterei hier (Elbsandstein, USA), freudige Nutzung technischen Fortschritts, auch zum technischen Klettern, da (Alpen): Nylonseile, Hartstahlhaken, Trittleitern. Freilich gab es Überschneidungen: Die klassischen Freikletterer in England und den USA entwickelten neue Technologien wie Klemmkeile und Friends zur Absicherung. Und zwischen den Hakendirettissimas der Alpen wurden immer wieder denkmalträchtig ernste alpine Großtaten vollbracht.
Es wurde enger in den Wänden der Alpen: Viele Klassiker wurden mit Bohrhaken saniert, neue Plaisirrouten kreuzten oder benutzten streckenweise alte Marksteine. Und der Mauerhakenstreit wurde als Hakenkrieg in die Praxis getragen, als im Kaiser
und in den Tannheimern Sanierungs-Bohrhaken wieder abgeflext wurden – ein unbefriedigendes Rein-Raus drohte. Seither haben etliche schlaue Köpfe viele Stunden lang diskutiert und allerlei Papier wurde bedruckt: der Bohrhaken-Kompromiss der UIAA, die Tirol Deklaration, die Berg.Schau! des DAV… Regionale Arbeitskreise entstanden, um die Absicherung alpiner Klettergebiete zu koordinieren.
2009 machte Martin Scheel das gleiche mit seiner Supertramp am Bockmattliturm, einem Markstein der frühen Sportkletterbewegung. Diese Aktionen standen mit den Richtlinienpapieren prinzipiell in Einklang, fanden aber kein breites Verständnis. Und die Situation war natürlich für keinen der Beteiligten erfreulich.
Beim DAV-Bergsportkongress Berg.Schau! in Dresden 2008 forderte Alex Huber vom DAV-Präsidenten Heinz Röhle, die Alpenvereine sollten sich dafür engagieren, dass die vereinbarten Vorgaben angenommen werden. Nach langen Diskussionen zwischen DAV, OeAV und Vertretern von Kletter- und weiteren Bergsportverbänden gibt es nun eine „Erstbegehungs- und Sanierungs-Charta für Felskletterrouten“, Und es stellt sich die Frage: Wer macht mit?
Wie hätten Sie's denn gern?
Denn Papier ist geduldig. Fakten sind Fakten. Und Menschen leben nach ihrem subjektiven Lustprinzip. „Ich lasse mir nicht vorschreiben, wie ich am Fels glücklich werden soll“, sagte Irmgard Braun bei einer Diskussion 1998 im DAV-Haus auf der
Münchner Praterinsel. Das eigenverantwortliche Absichern alpiner Kletterrouten mit Klemmkeilen und Friends zwischen den alten Rostgurken mag mehr Erlebnistiefe und Wert für die Persönlichkeitsentwicklung bieten als Plaisirrouten – aber es wird nicht dadurch Mainstream, dass man diese Werte predigt. Außerdem lassen sich Erfindungen und Technologien nicht zurücknehmen, wie schon Dürrenmatts „Physiker“ erkannten.
die Unfallstatistik aus dem Frankenjura: dort passierten erschreckend viele Bodenstürze vor dem ersten Haken; als eine Lösungsmöglichkeit regt der Autor und DAV-Vizepräsident Guido Köstermeyer an, dort zusätzliche Haken zu setzen.
Draußen ist anders
„Draußen ist anders“ heißt eine Kampagne des DAV. Und alpin ist nochmal ganz anders. Wie und wo soll man’s lernen, einen brüchigen Riss sicher zu sichern? Früher lernte man das Klettern im Freien und im Gebirge, wurstelte sich über IIIer und IVer
hoch in schwierigeres Gelände, immer mit mittelprächtigem Fels und ebensolchen Haken konfrontiert, die man selbst mit mobilen Mitteln ergänzen musste. Heute klettern viele schon im ersten Kletterjahr einen Siebener im Vorstieg – gehen sie dannnach Arco, nach Franken, in den Kaiser oder gar in die Dolomiten, sieht’s völlig anders aus. Selber einen Haken zu schlagen, was 1978 noch Standardinhalt eines Fortgeschrittenen-Kletterkurses der Alpenvereinsjugend war, lernt man heute fast nur noch als Mitglied des Expeditionskaders.
Allen Leuten recht getan?
In fast allen wichtigen Klettergebieten der Nördlichen Kalkalpen gibt es regionale Arbeitskreise, die sich um diese Fragen kümmern. Sie bestehen aus Vertretern der Alpenvereine und der lokalen Kletterszene und sind im Idealfall auch mit Tourismus und Naturschutzbehörden im Gespräch. Einer der ersten entstand im Wilden Kaiser, wo inzwischen ein Großteil der beliebtesten klassischen Routen saniert ist. Entsprechend der UIAA Vorlage, also mit Bohrhaken an Ständen und „neuralgischen“ Zwischensicherungen: Das sind solche, die nötig, aber schlecht mit Keilen und Friends zu realisieren sind. Ähnlich sieht es an den Schüsselkarwänden aus, im Oberreintal und in den Tannheimern: Auch dort sind fast alle gängigen Klassiker saniert. Am Halleranger läuft eine vergleichbare Aktion: zurückhaltende Sanierung der Klassiker plus Erschließung neuer Plaisir- und Klettergartenrouten.
Wie soll es weitergehen?
Sollen die Arbeitskreise ein Sanierungs-Moratorium aussprechen und nur noch das Bestehende beobachten und pflegen? So in etwa wird es in den Tannheimern gemacht. Oder sind sie nicht gerade jetzt besonders gefordert, Konzepte bergsportlicher Raumordnung zu entwickeln, wo die Touristiker das Klettern als potenziellen Wirtschaftsfaktor entdecken (www.climbers-paradise.com) und dafür auf extrem nutzerfreundlich eingerichtete Routen setzen?
Will man die neue Charta lebendig machen, stellen sich zudem etliche, teilweise ganz neue Fragen, die sich auch aus einer kurzen Befragung einiger engagierter Aktiver ergeben haben: „Viele alpine Klassiker sind grausam eingebohrt und gehören wieder in einen akzeptablen Zustand rückversetzt“, wettert beispielsweise Alex Huber. So stören sich viele daran, dass in der Rebitsch- Spiegl an der Fleischbank jeder A0-Haken neu gebohrt wurde, statt nur ein oder zwei zum Freiklettern sinnvolle Bolts zu setzen und zum Nullern die Gurken zu belassen (nettes Detail am Rande: Hias Rebitsch machte die Erstbegehung mit einem Bruchteil der Haken und angeblich in freier Kletterei).
Ob es zum Sanieren überhaupt Bohrhaken sein müssen oder ob bei alten Risslinien nicht auch Normalhaken reichen könnten, wie es Alex Huber vorschlägt, darüber zerstritt sich der Berchtesgadener Arbeitskreis. Sitzen Normalhaken gut, halten sie prima; ob allerdings im Lauf der Zeit der Riss bröselt oder der Haken rostet, sieht man von außen nicht. Außerdem lassen sie im Unklaren, ob sie „offiziell“ hier stecken oder von schwächeren Wiederholern nachträglich gesetzt wurden, und häufiges Ein- und Ausnageln schadet dem Fels.
Denkmalroute
Vom Thema Erinnerung ist es nicht mehr weit zum Schlagwort Denkmalroute. Wäre es in der Sanierungsdiskussion womöglich angemessen und hilfreich, diese neue Kategorie zu etablieren? Dann müsste man unterscheiden: Es gäbe einerseits „Klassiker“, deren Wesenselement die Schönheit der Linie und Kletterei ist, bei meist ordentlicher Absicherung, so dass eine gefühlvolle Sanierung diesen Charakter nicht entschärft. „Denkmalrouten“ dagegen wären überregional bedeutende Marksteine egal welcher Epoche, die zu ihrer Zeit besondere Höhepunkte waren und mit deren Erstbegehung sich oft alpine Großtaten verbinden, häufig bedingt durch besonderen Mut bei schlechter Absicherung. Um in solchen Routen die historische Leistung bewundern zu können, darf das Gruseln nicht durch Bohrhaken kastriert werden.
„Denkmäler sind von Menschen geschaffene Sachen oder Teile davon aus vergangener Zeit, deren Erhaltung wegen ihrer geschichtlichen, künstlerischen, stätdtebaulichen, wissenschaftlichen oder volkskundlichen Bedeutung im Interesse der Allgemeinheit liegt“, steht im Bayerischen Denkmalschutzgesetz. Lässt sich diese Definition sinnvoll auf Kletterrouten übertragen? „Von Menschen geschaffene Sachen“ sind sie ja nicht gerade, denn die Linie durch eine Wand ist hauptsächlich eine Idee; allerdings genauso kreativ und nachempfindbar wie ein Gedicht oder eine Melodie.
Friends; ihre jeweiligen Marksteine haben entsprechend unterschiedlichen Charakter, aber gewiss „geschichtliche Bedeutung“. Ob ihre Erhaltung „im Interesse der Allgemeinheit liegt“, ist nun die Frage. Jedenfalls hätte die Definition von Denkmalrouten ein ganz anderes Ziel als die Koordination von Sanierungen: Beim Sanieren geht es darum, alpinen Pluralismus ausgewogen zu gestalten, verschiedenen Motivationen ausreichend Spiel-Raum zu geben. Bezeichnet man dagegen Kletterrouten als Denkmäler, schafft man eine neue, eigenständige Qualität: Alpinismus als Form von Kultur.
Um ein schönes Haus zum Denkmal zu machen, braucht es keine formale Anerkennung, die Eintragung in die Denkmalliste dient nur der Klarstellung. Für Alpinrouten dagegen wäre eine Positivliste sinnvoll, um eine moderne Überbauung zu bremsen; diese zu erstellen, könnte eine neue Aufgabe für die regionalen Arbeitskreise sein. Setzt man angemessen strenge Kriterien für die Auswahl an, wären es wohl nicht mehr als ein, zwei Handvoll Denkmalrouten pro Kletterregion; diese sollten von jeglichen Sanierungsaktionen verschont bleiben und auch ihre nähere Umgebung dürfte nicht durch Bohrhaken kontaminiert werden. Man könnte sie veröffentlichen (Buch, Internet) und dabei dokumentieren, was sie zum Denkmal macht. Womöglich gar mit einer Plakette am Einstieg darauf hinweisen? Oder diesen unmarkiert lassen, weil auch das Finden zum Erlebnis gehört?
Jedenfalls scheint das amtlich definierte Ziel des Denkmalschutzes, „das Original wieder erlebbar zu machen“, auch für bestimmte Kletterrouten wünschenswert.
Wenn wir mal vernachlässigen, dass . . .
a) die einstigen Markstein-Erschließer die absolute Elite ihrer
Zeit waren, heutige Breitensportler sich also dort nicht unbedingt
leicht tun,
b) andererseits mit besserem Kletterkönnen, Ausrüstung und
mobilen Sicherungen einstige Toptouren heute erschwinglicher
sind,
c) was seinerseits das Nacherleben relativiert,
d) da man ja ohnehin in ganz anderen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen
lebt.
Man könnte natürlich darüber lästern, wenn im allgemeinen Zertifikate-Wahn nach Premium-Wanderwegen und Erlebnis-Klettersteigen nun besonders grusel-qualifizierte Klettereien zu Denkmal-Routen geadelt werden sollen. Man kann aber auch versuchen, den Besuchern der Berge das Bewusstsein dafür zu vermitteln, dass sie nicht nur ein tolles Turn- und Fungerät sind, sondern (neben einigem anderen) auch Heimat einer leidenschaftlichen Kultur. Bergsport als Kulturtätigkeit? Klar: Bergsport ist auch Sport. Aber die anderen Facetten unter Edelstahl zu verschütten, wäre doch schade.
Text von Andi Dick als Download:
Denkmalrouten Berg & Steigen 2012 , 3,0 MB








