Poträt: Günther Grausam
Mit Links zur Medaille

Der Vizeweltmeistertitel im Speedklettern war für Günther Grausam eher das Zufallsprodukt eines Arco-Urlaubs. Denn er ist ständig am Fels und in den Bergen unterwegs – auch nachdem er durch einen Unfall ein Bein verloren hat.
Von Eva Hammächer
Was andere nicht mit zwei Beinen schaffen, macht Günther Grausam mit links: Sportklettern, Alpin- und Eisklettern, anspruchsvolle Hoch- und Skitouren – dabei fehlt ihm seit dem 18. Oktober 2004 das rechte Bein: In der Arbeit übersieht und überfährt ihn ein Gabelstaplerfahrer; erst nach einer Dreiviertelstunde wird er befreit, der rechte Unterschenkel muss amputiert werden. Ein Schock für jemanden, der seine Freizeit am liebsten in den Bergen verbringt und sogar mit der Bergführer-Ausbildung geliebäugelt hat.
Aufhören kam nicht in Frage
Aufhören mit dem Bergsport kam für Günther Grausam aber nicht in Frage: „Anfangs war es schwierig, wieder Fuß zu fassen. Aber der Sport hat mir sehr geholfen, diese schlimme Erfahrung zu verarbeiten.“ Bereits vier Monate nach dem Unfall geht Grausam wieder klettern, nach fünf Monaten auf Skitour. Nach einem Jahr nimmt er an seinem ersten Mountainbike- Rennen teil, den „World Games of Mountainbike“, und wird Zwölfter. Der Paralympics-Gewinner Michael Teuber spricht ihn an und motiviert ihn für Rad-Wettkämpfe – mittlerweile ist der 34-Jährige aus Ruhstorf an der Rott eine feste Größe im Behinderten- Radsport. Er ist Bayerischer Meister im Straßenrennen und im Bergzeitfahren und fährt bei internationalen Rennen an der Spitze mit.
Als Grausam bei einem Kletterurlaub in Arco sah, dass 2011 erstmals die Kletter-WM mit einer Paraclimbing- Wertung kombiniert wurde, meldete er sich für die DAV-Mannschaft – und gewann prompt die Silbermedaille beim Speed; im Schwierigkeitswettbewerb verfehlte er als Vierter nur knapp das Treppchen. „Paraclimbing- Wettkämpfe sollten nicht zu einer Art Demoklettern von Behinderten verkommen, sondern richtiger Leistungssport werden“, sagt er selbstbewusst, „der DAV bemüht sich sehr darum. Aber dazu gehört, dass auch nationale Wettkämpfe für Behinderte in die „normalen“ Veranstaltungen integriert werden.“
Für die Sektion unterwegs
Die Ausbildung zum DAV-Fachübungsleiter Bergsteigen für seine Sektion Passau, die der Unfall unterbrochen hatte, hat er inzwischen abgeschlossen. Wenn ihm die zahlreichen Radrennen ein bisschen Zeit lassen, freut sich Günther aber auch darüber, seiner Leidenschaft Bergsteigen privat nachgehen zu können: im Sportklettern kommt er bis VII+/VIII-, alpin bis VI+ im Vorstieg, im Wasserfalleis bis WI 4+. „Bergsteigen ist für mich nicht einfach nur ein Sport, sondern eine Lebenseinstellung. Ich liebe es, in den Bergen unterwegs zu sein, abseits der Zivilisation und ohne unnötigen Luxus. Ich würde mich gerne mal an einem technisch schwierigen Sechstausender versuchen, wenn nur der lange Abstieg nicht wäre …“ Langes Bergabgehen bereitet ihm Schmerzen; deshalb besteigt er die meisten Berge im Winter mit Tourenski.
Günther Grausam hat eine Kämpfernatur und ist ein Stehaufmännchen. „Die Kunst ist es, einmal mehr aufzustehen als man umgeworfen wird“, lautet sein Motto. Und damit ist er sehr weit gekommen: Auf zahlreiche Berggipfel und im Leistungssport an die Spitze verschiedener Disziplinen.





