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Esther Baum gelingt in Expeditionsvorbereitung Matterhornüberschreitung

Neues vom DAV Expeditionskader der Damen 2016

20.08.2016, 18:57 Uhr

In nur wenigen Tagen brechen die sechs Nachwuchsalpinistinnen des DAV Expeditionskader der Damen zu ihrer Abschlussexpedition auf. Die Kader-Teilnehmerin Esther Baum hat im Zuge ihrer Vorbereitung eine Matterhornüberschreitung auf ihre Liste gesetzt und diese gemeinsam mit Simone Maurer als Frauen-Seilschaft erfolgreich realisieren können. Als eine Herausforderung der anderen Art beschreibt sie das Erlebnis, einen der großen Magnetgipfel der Alpen mit mehreren Dutzend Bergbegeisterten zu besteigen. Jetzt kann die Expedition kommen!

 

Abenteuer Schweizer Traditionsgipfel

„Das machen wir NIE wieder!“, sagt Simone, die auf vier Wolldecken am Boden des Rifugio Carrell brütet. Während ich hinter dem Rifugio den „yellow snow“ weg pickele, um mit dem weißen Schnee Wasser für Tee aufzukochen, kämpft Simone um unseren Schlafplatz zwischen zwei Tischen. Immer mehr Liongrat-Aspiranten breiten sich im Rifugio aus.

Das hatten wir uns so nicht vorgestellt. Fit und motiviert waren wir in Cervinia gestartet und hatten uns gefreut, so wenig Mitstreiter zu treffen. Unterhalb des Rifugio kam uns dann ein Haufen Leute entgegen. Die meisten waren seit 15 Stunden unterwegs und waren total fertig. Vielen hatten den Gipfel gar nicht erreicht, weil es oben so windig und nebelig gewesen sei. Als uns zwei Tiroler Jungs dann noch unterbreiteten, dass der Liongrat ein Bruchhaufen und der Stüdlgrat am Großglockner viel schöner sei, mussten wir uns schon bewusst einreden, dass bei uns alles anders sein wird. Die Einstellung „Immer positiv bleiben!“ erhielt einen deutlichen Einbruch, als wir das Rifugio Carrell betraten. Alle Betten doppelt belegt, jede anvisierte Decke schon reserviert. Diese Situation ist am Matterhorn wahrscheinlich der Normalzustand, aber für uns, die meist auf wenig prestigeträchtigen Bergen die Einsamkeit genießen, eine neue Herausforderung.

 

Challenge: Gipfelerfahrung mit 80 Mitstreitern

An Schlaf war erst zu denken, als um 3 Uhr nachts endlich alle entweder angekommen, oder aufgebrochen waren. Wir ließen alle ziehen und brachen selber erst um halb 7 auf.  Simones Kopfschmerzen und meine Übelkeit verbesserten sich, als wir in Bewegung kamen. Die Kletterei am Grat war unerwartet angenehm. Bald kletterten wir wie im Flow, seilfrei , jede in ihrem Tempo. Wir erwischten die Linie gut und näherten uns recht zügig dem Gipfel. Hier trafen wir unsere 80 Kollegen aus dem Rifugio wieder. Ein paar Mal umeinander wurschteln, noch eine Strickleiter und ein paar steile Taue ziehen und wir standen am Gipfel. Fazit: eine total schöne Kletterei. Die vielen Taue sind zwar ein bisschen schade, dafür kann man sich aber schnell über die vielen steilen Passagen helfen „Ah super… der Abstieg schaut ja echt überschaubar aus..“, sage ich mit Blick auf die Hörnlihütte. Am Hörnligrat ist wenig Betrieb, wodurch wir kontinuierlich absteigen können.

 

Nach 13 Stunden Hörnlihütte erreicht

Die meiste Zeit kraxelt man irgendwo neben dem Grat. Gar nicht so leicht bei den ganzen Wegspuren den optimalen Weg zu finden. Bald fängt es an zu schneien und die Sicht wird schlecht. Wir kommen immer mehr ins Suchen, seilen manchmal ab, sind uns einfach nie sicher, ob wir  „richtig“ sind. Als wir dann drei vergammelte Rettungsdecken finden, müssen wir uns nochmal bewusst mental zusammenreißen und konstruktiv arbeiten. Wir sind mittlerweile zu dritt; Chris ein Brite, der alleine und ohne Seil unterwegs ist, freut sich, dass er bei uns abseilen darf. Wir schwärmen ein paar Mal aus und bleiben in Rufkontakt. Der Weg mit den besten Argumenten wird gewählt. Als wir nach 13 Stunden Reise die Hörnlihütte erreichen, sind wir erleichtert und glücklich, dass wir es dann doch ganz gut erwischt haben.

Das „Nie wieder“ wurde natürlich revidiert und das Matterhorn in positiv abenteuerliche Gedanken eingeschlossen.

 

Esther Baum